Kanalschlei(ch)fahrt

Am 22.07.01 trafen wir uns bei zunächst noch bewölktem Wetter pünktlich um 09:00 Uhr an der "neuen" (Total-) Tankstelle von Ernst Werner, um von dort aus gemeinsam mit insgesamt 20 Motorrädern die von mir geführte Tour aufzunehmen. Wie sich schon aus dem Namen "Kanalschlei(ch)fahrt" unschwer erahnen ließ, standen im Mittelpunkt vornehmlich zwei bedeutsame Schleswig-Holsteinische Gewässer. Aber auch verschiedene und gleichsam reizvolle Naturparks des Landes sollten uns im Wechsel zu den Uferstraßen immer wieder auf unserer Tour begleiten. Die Fahrt führte zunächst durch den Naturpark-Aukrug zum Nord-Ostsee-Kanal, dem wohl mit bekanntesten Wahrzeichen Schleswig-Holsteins. Er durchschneitet fast willkürlich, so scheint es, unser Land. Die im Jahre 1895 künstlich angelegte Wasserstraße ist mit die meistbefahrene Schiffahrtsstraße der Welt. Heute passieren ca. 60.000 Schiffe jährlich den knapp 100 km langen Nord-Ostsee-Kanal zwischen Brunsbüttel und Kiel-Holtenau.

Immer unmittelbar am Kanalufer entlang fuhren wir das Nord- und Südufer des Kanals zwischen Breiholz und Osterrönfeld ab. Vor dem Kanaltunnel in Osterrönfeld dann aber erst einmal eine Schrecksekunde für mich: aufgrund einer Straßensperrung wurde ich gezwungen, von meiner ursprünglich geplanten Wegstrecke abzuweichen und einer Umleitungsstraße in für mich unbekannte Gefilde zu folgen. Jedoch konnte uns Jürgen zusammen mit Anne dank seiner guten Ortskenntnisse und durch die Funkverständigung der beiden untereinander schnell und sicher wieder auf den richtigen Weg bringen. Beide leiteten mich so souverän aus dem Irrgarten heraus, dass für die meisten Mitfahrer dieser kleine Zwischenfall unbemerkt blieb (nochmals Dankeschön Anne und Jürgen!). Glücklicherweise gab es keine weiteren Überraschungen dieser Art im folgenden Tourverlauf. Kurz vor dem Rastplatz Moltkestein am Nordufer des Kanals sind wir dann für ein kurzes Stück beidseitig von Wasser eingeschlossen: links der Nord-Ostsee-Kanal und rechts die Eider. Man hat für einen kurzen Augenblick das Gefühl, auf einer Sandbank zu fahren. Auf dem Rastplatz Moltkestein machten wir dann mit Blick auf die vorbeifahrenden Schiffe eine gemütliche Frühstücks-Pause. Der Name des Rastplatzes rührt übrigens von einem ca. 15 Tonnen schweren Findling, der beim Bau des Kanals im Flussbett gefunden wurde. Nachdem wir uns für die Weiterfahrt gestärkt hatten, ging es nun über die Ortschaften Hohn, Hamdorf und Owschlag durch den Naturpark Hüttener Berge. Wir fuhren dabei auf kleinen und verkehrsarmen Straßen, so dass man auch immer wieder Gelegenheit hatte, die schönen Landschaften abseits des Asphalts zu genießen. Das Teilstück zwischen Brekendorf und Fleckeby am Fuße des Scheels-"Berges" (immerhin über 100 !!m hoch) verlangte jedoch zur Abwechselung die volle Aufmerksamkeit des Fahrers: eine Fahrt auf einer schmalen und leicht hügeligen Straße mit vielen, engen Kurven. Wohl gerade wegen dieser besonderen Verhältnisse war dieser Streckenabschnitt für Motorradfahrer fahrerisch sehr reizvoll und brachte uns Fahrspaß pur. Nach einem kurzen Stück auf der B-76 ging es dann weiter durch ein abgelegenes Waldstück zur Schlei-Fähre nach Missunde. Unmittelbar vor dem Fähranleger Missunde war jedoch erst einmal etwas Vorsicht geboten: behutsam und mit ein bisschen Geschick mussten wir unsere Maschinen bei langsamer Fahrt über das unebene Kopfsteinpflaster und über die tückische Auffahrrampe der Fähre balancieren, bevor wir an Bord der kleinen Fähre fahren konnten. Gegen ein geringes Entgelt genossen wir dann aber an der engsten Stelle der Schlei die Überfahrt mit der nostalgischen Seilradfähre. Gleich hinter dem Fähranleger machten wir dann wiederum eine (Zigaretten-)Pause und genossen den Blick auf die Schlei, in der sich mittlerweile die Sonne spiegelte. Auf den nächsten Etappen war die Schlei immer wieder unser Wegbegleiter. Mehr als 40 km dringt die Schlei zwischen der Flensburger Förde und der Eckernförder Bucht landeinwärts und erweitert sich seenartig zur Großen Breite vor Schleswig. Bedingt durch die Gletscher längst vergangener Tage trennt sie die Landschaft Schwansen im Süden von Angeln im Norden der Schlei.Vorbei an den Ortschaften Brodersby und Ulsnis mit den sehr gepflegten, hellen Fachwerkhäusern ging es Richtung "Klappbrücke" bei Lindaunis. Die Fahrt dorthin mit Blick auf die Schlei war dabei immer wieder faszinierend. Schon von weitem war für jedermann bzw. -frau die typische Holsteinische Windmühle von Lindau zu sehen und gab uns deshalb auch eine gute Orientierungshilfe, bevor wir dann direkt am Schleiufer entlang die Klappbrücke bei Lindaunis erreichten. Eine einspurige Hebebrücke für Autos, Bahn, Fußgänger und Radfahrer führt hier im Wechsel über die Schlei. Die Klappbrücke gilt als echter Verkehrsknotenpunkt und Nadelöhr zugleich, zumal die schmale Trasse stündlich einmal geöffnet wird, damit neben den Freizeitseglern auch größere Schiffe die Brücke passieren können. Auf der Hinfahrt zu unserem Zielort blieben wir noch von einer größeren Wartezeit vor der Brücke verschont. In Krieseby fuhren wir an dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Herrenhaus vorbei nach Sieseby, einem verträumten Ort am Südufer der Schlei mit seinen vielen reetgedeckten Fachwerk- und Giebelhäusern. Hinter Sieseby verließen wir dann das südliche Schleiufer und fuhren in das nicht minder schöne Landesinnere der Landschaft Schwansen. Der faszinierende Blick auf die Schlei war vorerst durch die dichten Wälder und saftigen Felder nur noch vereinzelt möglich, so dass wir uns nun voll auf das eigentliche Motorradfahren konzentrieren konnten. Eine gut ausgebaute Straße und eine ausgewogene Streckenführung mit engen und langgezogenen Kurven ließ kurzzeitig die Herzen der Schräglagenfreunde unter uns höher schlagen. Erst kurz vor der Ortschaft Winnemark konnten wir wieder von einer kleinen Erhebung aus den schönen Weitblick auf das etwas unter uns liegende Segel- und Surfrevier Schlei in Augenschein nehmen, bevor wir wiederum mit einer Seilradfähre von Sundsacker nach Arnis übersetzten. Bad Arnis, direkt am Nordufer der Schlei gelegen, ist mit gerade mal ca. 400 Einwohnern die kleinste Stadt des Landes. Der malerische Ort mit seinen hervorragend restaurierten Häusern, den Linden und dem alten Kopfsteinpflaster gab uns ein Gefühl von Nostalgie und Romantik. Viele der kleinen, eng aneinandergereihten Häuser stehen heute unter Denkmalschutz. Von Bad Arnis aus ging es weiter zu unserem Zielort nach Kappeln. Die kleine, "schnieke" Hafenstadt liegt unterhalb der Schleimündung am nördlichen Schleiufer. Die Silhouette der Stadt Kappeln wird von einer im Jahre 1888 erbauten Hölländer-Windmühle geprägt, die inmitten des historischen Stadtkerns liegt und die mit 32 Metern Höhe die größte Windmühle Schleswig-Holsteins ist. Unmittelbar an dieser Windmühle namens "Amanda" vorbeifahrend, ging es mit unseren Motorrädern über das holprige Kopfsteinpflaster durch das Altstadtzentrum zum Hafen. Unser Ausflugsziel war erreicht. Wir parkten unsere Motorräder direkt am Hafenbecken neben den Fischkisten. Von diesem Plätzchen aus hatte man einen sehr schönen Blick auf die angrenzende Altstadt ebenso wie auf die Schlei mit der noch funktionsfähigen Reusenanlage. Ferner hatte man von hier aus einen guten Ausblick auf die alte Drehbrücke. Schließlich hatte man von hier aus auch Gelegenheit, ein bißchen Seeluft zu schnuppern und das bunte Treiben zu beobachten. Es folgte nun nach ca. 150 km eine verdiente Mittagspause zum Relaxen. Die reizvolle Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und urigen Fischerhäuschen lud bei schönstem Sommerwetter geradezu zum Verweilen und gemütlichen Bummeln ein. Gleichzeitig hatte ich gemeinsam mit Martin und Myriam ein Ratespiel über die "Kanalschlei(ch)fahrt" ausgegeben, das die Fahrtteilnehmer während der Pause lösen konnten. Nach einer unterhaltsamen Mittags-Pause führte unser Weg zunächst zurück nach Grödersby an das nördliche Schleiufer. Und wieder stach der tolle Ausblick auf die Schlei mit den vielen, farbenfrohen Segelbooten ins Auge. Bei diesen schönen Eindrücken und den nun folgenden knappen 10 km zurück bis zur Klappbrücke bei Lindaunis mussten wir uns daher schweren Herzens entscheiden, ob wir einmal mehr die beeindruckende Gegend mit Blick auf die Schlei genießen wollten, oder aber ob wir lieber unsere Maschinen auf dem griffigen Asphalt der kurvenreichen Straße mal so richtig "fliegen" lassen sollten. Ohne zu zögern, entschieden wir uns aber natürlich für die erste Variante. Vor der Fahrt über die Klappbrücke mussten wir nunmehr allerdings wegen des dichten Verkehrsaufkommens eine längere Wartezeit in Kauf nehmen. Frauke und Anne nutzen diese Pause, um sich von dem Innenfutter ihrer Lederkombis zu befreien (mittlerweile zeigte die Quecksilbersäule 27°C). Über Rieseby ging es wiederum durch den Naturpark Hüttener Berge weiter nach Eckernförde. Damit verließen wir auch unseren langen Wegbegleiter, die Schlei. Hinter Eckernförde nahmen wir dann Kurs Richtung Sehestedt, um dort mit der Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal zu fahren. Zuvor "ritten" wir als "Schmankerl" jedoch noch über den gefürchteten "Hexenberg", der in uns das Gefühl einer Achterbahnfahrt aufkommen ließ. Eine imposante Berg- und Talfahrt, die in dieser Art in unserem Land wohl einzigartig sein dürfte. Nach dem Übersetzen des N.-O.-Kanals mit der Fähre passierten wir kurz darauf auch noch das alte Schleusentor des ehemaligen Eiderkanals und fuhren weiter Richtung Bovenau, das Dorf der 5 Güter und 2 Kanäle. Neben dem historischen Zusammenschluss des Eiderkanals mit dem Nord-Ostsee-Kanal wird das Landschaftsbild dieser Gegend von pracht- und stilvollen Gutshöfen geprägt. Bei der Ortsdurchfahrt in Osterrade zog der gleichnamige und großzügig angelegte Gutshof kurzzeitig noch einmal all unsere Blicke auf sich. Es folgten dann die letzten Kilometer über Bredenbek nach Felde, wo wir auch kurze Zeit später nach ca. 220 km unser Reiseziel Westensee/Naturpark erreichten. Auf dem dort direkt am See gelegenen Grillplatz machten wir hier zum Abschluss der Fahrt noch ein Kaffeekränzchen. Neben der Preisverleihung des Ratespiels wurden bei Kaffee und Kuchen natürlich auch wieder viele Benzingespräche geführt. Sieger des Ratespiels wurde übrigens Karl-Heinz. Die Plätze belegten Frauke, Elke, das Team Willi/Angelika sowie Helmut. Alle Gewinner wurden mit kleinen Preisen ausgezeichnet. Die Fahrt fand damit einen amüsanten und harmonischen Ausklang.

 

Text und Tourguide: Mathias Jahnke

PS: Für mich war es eine schöne und erlebnisreiche Fahrt, die die Vielfältigkeit und Schönheit unseres Landes einmal mehr deutlich machte. Es war allerdings schon ein "Spagatschritt" erforderlich, um die teilweise zum Kurvenschwingen verlockenden Streckenabschnitte mit den Eindrücken der faszinierenden Landschaftsbilder zu verbinden. Ich würde mich daher freuen, wenn Euch mein Kompromiss aus Kurvenschwingen und Sightseeing-Tour gefallen hat und Ihr neue, unbekannte "Ecken" entdecken konntet. Herausstellen möchte ich auch noch die Disziplin aller Fahrteilnehmer, die damit erst zu einem schönen Motorraderlebnis beigetragen haben.